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Die „Route des Grandes Alpes“ mit dem Handbike
(28. 06. – 04. 07. 2026)

Von Albert Hirschbichler

 

Wie die Zeitungen in München im Februar 2026 vermeldeten, kam eine 62-jährige Rollstuhlfahrerin mit ihrem elektrischen Rollstuhl vom Weg ab und krachte gegen einen Baum. Die Dame war alkoholisiert und so braucht man sich nicht zu wundern. Und sowas passiert offenbar nicht einmal so selten.

 

Ergibt sich die Frage was man als Rollstuhlfahrer sonst noch anfangen kann. Kurt meint die Route des Grandes Alpes wär´ auch mal was. Route des Grandes Alpes? Nie gehört. Ich schau beim Google nach. Demnach handelt es sich um eine etwa 700 km lange touristische Straßenführung durch die französischen Alpen von Thonon-les-Bains am Genfer See bis Nizza. Am Weg liegen 16 bis 21 Pässe, je nach Routenwahl, mehrere über 2000 Meter, insgesamt 16.000 Höhenmeter. Dabei werden vier französische Departments durchquert: Haute-Savoie, Savoie, Hautes Alpes und Alpes Maritimes.

 

Oje, denke ich mir, wie soll das gehen? Aber wenn Kurt meint… Anfängliche Bemühungen eine organisierte Reise mit Begleitfahrzeug und Gepäcktransport zu finden bleiben ergebnislos. Wie also vorgehen? Im Hotel brauche ich meinen Rollstuhl, das steht fest. Auf Anfrage bei einem mir bekannten Taxiunternehmen erhalte ich die freundliche Auskunft, dass für eine Woche Begleitfahrzeug 8000.- Euro zu veranschlagen sind, dazu kämen noch die Hotelkosten für die Fahrerin. Was unser Budget doch überfordert.

 

So kommen wir auf die Idee, in einem Radanhänger, in dem sonst kleine Kinder sitzen oder Hunde, den Rollstuhl nachzuziehen. Die Konkretisierung dieses zweifelhaften Vorgehens erübrigt sich, als wir mit „Bike-France“ ein Unternehmen finden, das die Route des Grandes Alpes im Programm hat.

 

Unsere Anfrage bzgl. Anmeldung wird freundlichst beantwortet und das auch noch auf Deutsch. Einen Handbiker hatten sie aber noch nie. Man will wissen, ob ich eventuell eine oder auch mehrere Etappen mit dem Begleitfahrzeug zurücklegen möchte? Nein, sage ich, ich möcht´s schon probieren. Ich teile mit, dass ich neuerdings im Besitz eines E-Handbikes bin, aber zuvor 25 Jahre ohne Motor auf alle möglichen Berge hochgefahren bin, und mir das – wie ich meine – jetzt zugutekommen müsste.

 

Neuland ist es ja schon. Sieben Tage jeden Tag 100 km und 2000 Höhenmeter oder mehr fahren, das machte ich noch nie. Für 2000 Höhenmeter gibt es Erfahrungswerte, zwei Etappen gehen aber über 2600 Höhenmeter… Werden die Arme mitspielen? Mir die Kraft ausgehen? Seit längerem macht die linke Schulter Probleme. Wie wird die sich verhalten? Unwägbarkeiten, keiner kann es sagen. In jedem Fall empfiehlt sich die Mitnahme eines Reserveakkus.

 

Das Angebot von Bike-France umfasst Gepäcktransport sowie Übernachtungen in Hotels mit Abendessen und Frühstück, außerdem erwartet das Begleitfahrzeug die Radler jeden Tag um die Mittagszeit auf der Strecke an geeigneter Stelle (Schatten!) mit einer Brotzeit und Getränken. Für unsere Route gibt es zwei Varianten (V2 und V3) mit unterschiedlichen Niveaus, was die Kilometer und Höhenmeter betrifft. Die Radfahrer können jeden Morgen selbst entscheiden, welche Variante sie sich zutrauen und sie fahren wollen. Im Fall von Problemen ist der Tourleiter stets über Handy erreichbar. Vor der Fahrt erhält man per email ein Roadbook mit nützlichen Informationen. Außerdem kann eine Navigations-App auf Smartphon oder Garmin-Gerät heruntergeladen werden. Super Organisation. Und das zu einem erschwinglichen Preis.

In den Wochen zuvor machen wir ein paar schöne Touren wie z.B. das Kitzbüheler Horn mit Abfahrt übers Hornköpfl (40 km, 1600 Hm), die Klammljoch-Runde in Osttirol (90 km, 2000 Hm) und viele andere. Der Termin naht und ich fühle mich gar nicht so schlecht.

 

Schließlich Samstag, 27. Juni. Tag der Anreise. Um 7.00 Uhr in der Früh geht’s los. Innsbruck – Landeck – Arlbergtunnel – Liechtenstein – Zürich – Bern. Eintönige Fahrt auf der Autobahn, 700 km, langweilig, ermüdend, Außentemperatur 38,5 Grad. Am Nachmittag erreichen wir den Ausgangsort Thonon-les-Bains am Genfer See.

 

 

Route des Grandes Alpes

Vom Touring Club de France ab 1909 als durchgehende Reiseroute zwischen Genfer See und Nizza für Rad- und Autotouristen geplant, um die Bergwelt für Reisende zugänglich zu machen und den Tourismus zu fördern. Zwischen 1911 und 1913 wurden erste Teilabschnitte für Autos und Postbusse befahrbar gemacht, bevor im 1. Weltkrieg die Arbeiten unterbrochen wurden. 1930 wurde die Strecke Nizza – Chamonix realisiert, 1937 nach Eröffnung des Col d´Iseran (2770 m, höchster Straßenpass der Alpen), die Gesamtstrecke fertiggestellt. Die letzte Lücke wurde 1970 mit der Straße über den Cormet de Roselend geschlossen. Viele Pässe stellen heute Etappen der Tour de France dar.

 

 

Tag 1  

Thonon-les-Bains – La Clusaz

(84 km, 1960 Hm)

Col de Jambaz (1027 m)

Col de la Colombière (1613 m)

 

In der Früh geht’s los. Um 8.00 Uhr hat es schon 26 Grad. Gleich hinter dem Ort beginnt die Steigung. In hügeligem Gelände fahren wir durch Wiesen und Wälder und freuen uns über gelegentliche flache Passagen. Mehrere Dörfer liegen am Weg. Mir fällt auf, dass es hier viele Schmetterlinge gibt, die bei uns kaum mehr zu sehen sind, Schwalbenschwanz, Trauermantel und andere. Kurt fühlt sich euphorisch und so fährt er auch. So kommen wir schon nach 1:23 Std. zum ersten Pass, dem Col de Jambaz (1027 m). 25 km und 600 Hm bis hierher. Auf der anderen Seite geht es hinab, 20 Kilometer weiter beginnt in Scionzier der nächste Anstieg zum Col de la Colombière (1613 m). 16 km und 1108 Hm geht es hinauf, die Steigung beträgt 5-8% zum Schluss etwas mehr. Karge Felshänge und Almwiesen prägen das Landschaftsbild, Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten. Es folgt eine 13 Kilometer lange Abfahrt nach La Clusaz (1040 m), Ende der heutigen Etappe.

 

Beim Abendessen im Hotel kommen zum ersten Mal alle zusammen. 22 Personen. Eine internationale Gruppe. Sechs Deutsche, fünf Franzosen (3 m, 2 w), drei Engländer (2 m, 1 w), ein Schweizer, sogar aus Australien sind sechs und aus Kanada ist eine angereist. Für viele ist es ein langgehegter Traum. Eine Französin, Carolin, stürzte leider am nächsten Tag. Drei gebrochene Rippen bedeuteten für sie das bittere Aus. Wie schade! Zum Glück der einzige Sturz während der ganzen Unternehmung. Alle fahren Rennrad ohne Motor. Mein Handbike ist das einzige Gefährt, das motorisiert ist. Wäre ich nicht vor 30 Jahren beim Klettern abgestürzt, mit Folgen Querschnittslähmung würde ich heute noch – wie ich annehme – Rennrad ohne Motor fahren. So ist es etwas anderes. Der Grad meiner Behinderung, 100%, wie auch mein fortgeschrittenes Lebensalter, bald im 70. Lebensjahr, entschuldigen – wie ich hoffe – meine Motorisierung einigermaßen.

 

Tag 2

La Clusaz – Bourg-Saint-Maurice

(90 km, 2600 Hm)

Col des Aravis (1486 m)

Col des Saisies (1650 m)

Col du Pré (1703 m)

Cormet de Roselend (1968 m)

 

Der erste Pass des Tages ist der Col des Aravis (1486 m). Auf 19 Kilometern windet sich die Straße über einige Kehren 460 Höhenmeter hinauf. Die Steigung liegt bei moderaten 5%. Die Tour de France ging 39 mal über diesen Pass. Oben kann man zum Mont Blanc sehen, der sich in östlicher Richtung 35 Kilometer entfernt aufbaut. Leider ist die Sicht nicht klar und man erkennt nur die Silhouette des gewaltigen „Weißen Berges“.

Vom Col geht es auf der anderen Seite kurvenreich hinab und dann das Tal hinaus bis Flumet (900 m), Talort des Col des Saisies (1650 m), zweiter Pass des heutigen Tages. 15 km geht es hinauf. Um die Passhöhe liegt der Skiort Les Saisies.

 

Von dort Abfahrt nach Beaufort (743 m), Talort des Col du Pré (1703 m). Aufwärts geht es bis Areches (1040 m) und weiter über viele Kehren zum Col. Alle Kilometer findet sich ein Straßenschild mit Angaben zur aktuellen Höhe, Reststrecke, und Durchschnittssteigung auf dem nächsten Kilometer. Sehr aufmerksam. Von oben sieht man hinab zum smaragdgrünen Stausee Lac de Roselend (1560 m), zu dem wir hinunterfahren, bevor es auf der anderen Seite wieder 450 m hinaufgeht zur Passhöhe des Cormet de Roselend (1968 m), 25 km ab Beaufort.

 

Ganz in der Nähe erhebt sich der monolithische Felszapfen des Pierra Menta, der einem legendären Wettkampf im Skibergsteigen den Namen gibt. In jedem Jahr trifft sich zur „Pierra Menta“ die europäische Elite in dieser Sportart, um in Zweierteams über vier Tage hinweg 10 000 Höhenmeter im Aufstieg und in der Abfahrt zu bewältigen. Auch nicht schlecht! Vom Col folgt eine nicht enden wollende Abfahrt über 20 Kilometer nach Bourg-Saint-Maurice (740 m), wo wir in der „Base Camp Lodge“ Quartier beziehen. Viele junge Menschen aus aller Herren Länder tummeln sich hier, riesige Rucksäcke lassen auf alpine Ziele schließen.   

 

Tag 3

Bourg-Saint-Maurice – Lanslebourg / Val Cenis

(80 km, 2200 Hm)

Col de l´Iseran (2770 m)

 

Der dritte Tag bietet mit dem höchsten befahrbaren Alpenpass ein Highlight. Den Namen hat der Col vom Fluss Isere, der dort oben auf der Nordseite entspringt. Eröffnet 1937, wurde die noch nicht asphaltierte Straße bereits ein Jahr später und danach noch achtmal Mal im Rahmen der Tour de France befahren. Zuerst einmal geht es hinauf nach Val d´Isere (1830 m). Es herrscht viel Verkehr, auch Lastwagen, Baustellen halten auf, das Radeln ist nicht angenehm. Vorbei an der Abzweigung nach Tignes und entlang des Lac de Chevril erreichen wir nach 32 Kilometern den mondänen Skiort. Ab da wird es richtig schön. Noch 18 Kilometer. Entlang baumloser Steilhänge unter Bergen mit Gipfelhöhen bis 3000 Meter führt das nun schmalere Sträßchen in östlicher Richtung taleinwärts. Bei einer Brücke (Pont St. Charles, 2070 m) wendet sich die Richtung und die Steigung nimmt zu. Die Straße ist nun talauswärts am Hang angelegt und wir gewinnen rasch an Höhe. Außer vielen Radfahrern haben sich nicht wenige Motorrad- und Autofahrer den Col zum Ziel gesetzt. Aber alle nehmen Rücksicht aufeinander. Nur ein paar Porschefahrer mit englischen Nummernschildern fallen aus der Reihe.

 

Schließlich sind wir oben:. 50 Kilometer vom heutigen Startort Bourg-Saint-Maurice entfernt,. Wie gesagt am höchsten Passübergang der Alpen. Auf Platz 2 und 3 folgen das Stilfser Joch (2758 m) und der Col d´Agnel (2744 m). Die höchste asphaltierte Straße in den Alpen ist die Ötztaler Gletscherstraße, aber die ist kein Passübergang, nebenbei sei es erwähnt. Am Himmel treiben Schönwetterwolken und es ist warm bis in die Höhe. Geboten sind Panoramablicke auf die vergletscherten Gipfel der Vanoise-Gruppe. Eine Sehenswürdigkeit ist außerdem die 1939 errichtete, mit Schiefersteinen gedeckte Kapelle „Chapelle Notre-Dame de l´Iseran“. Natürlich müssen wir auch noch ein Bild machen vor dem berühmten Straßenschild, bevor eine 10 km lange aussichtsreiche Abfahrt nach Bonneval-sur-Arc (1800 m) folgt. Zum Schluss geht es noch 20 Kilometer das Tal hinaus bis zum Zielort Lanslebourg (1300 m).

 

Tag 4

Val Cenis – Le Monêtier-les-Bains

(102 km, 2600 Hm)

Col du Télégraph (1566 m)                          

Col du Galibier (2642 m)                 

Col du Lauteret (2058 m)                             

 

Nach dem höchsten Pass folgt am vierten Tag eine lange Verbindungsetappe mit zwei großen Namen: Télégraphe und Galibier. Von Val Cenis verfolgen wir nicht das von der Arc durchflossene Haupttal, sondern fahren auf der orographisch rechten Talseite auf verkehrsarmen Straßen 200 Meter oberhalb durch eine kaum besiedelte Landschaft mit weitläufigen Nadelwäldern. Nach dem kleinen Ort Sardieres kommen wir nach Aussois, von wo uns der Weiterweg – vorbei am Fort Marie-Christine – hinab nach Modane führt (26 km ab Hotel). Nach weiteren 20 Kilometern kommen wir endlich nach Saint-Michel-de-Maurienne, wo die Straße zum Col du Télégraph abzweigt. Der Col verdankt seinen Namen einem Telegraphen-Turm, der dort oben vom Techniker Claude Chappe 1807 zur Übermittlung optischer Signale eingerichtet wurde. Sozusagen ein Vorläufer des Telefons. Die Truppen Napoleons konnten auf diese Weise über weite Strecke kommunizieren.

 

Vom Col (1566 m) folgt eine Abfahrt in den Skiort Valloire (1400 m), wo der Anstieg zum Col du Galibier beginnt. Mythos Galibier: Bereits 1876 wurde ein Saumpfad zu einer befahrbaren Straße ausgebaut. 1911 wurde er zum ersten Mal und bis heute 65 Mal von der Tour de France überquert. 2024 gewann der Slowene Tadej Pogačar die Bergwertung.

 

Ausgehend vom grünen Tal in Valloire nimmt die Landschaft einen zunehmend hochalpinen Charakter an: karge alpine Matten, Schotterhänge und weite Kare. Die Sonne scheint, das Fahren ist eine Freude. In Höhe 2300, etwa vier Kilometer vor der Passhöhe, kommt man an einer Gedenkstele für Marco Pantani vorbei. Genau an der Stelle setzte Pantani 1998 bei der Tour de France bei strömendem Regen zum entscheidenden Angriff an, der ihm den Tourgewinn einbrachte. Nebenbei gewann er in dem Jahr auch noch den Giro d´Italia. Als er 1999 des Dopings überführt für weitere Rennen gesperrt wurde, verfiel er in Depressionen und tröstete sich mit Kokain. An einer Überdosis starb er 2004. Doping – ein zeitloses Thema im Profiradsport. Mit meinen Fruchtschnitten wäre mir jedenfalls nichts passiert.

 

Etwas weiter, so in 2500 Meter Höhe, zieht im Osten plötzlich ein Unwetter auf. Mir schwant nichts Gutes. So bleibe ich stehen und krame aus meinem kleinen Rucksack den dünnen Regenschutz heraus. Sogar eine Mütze hab´ ich dabei. Rasch kommt Nebel auf.

So schnell wie möglich fahre ich die letzten Kehren hinauf. Beinahe oben ein Tunnel.

Autofahrer haben die Möglichkeit, sich die letzten hundert Höhenmeter zu ersparen.

Für Radfahrer ist das Tunnel gesperrt. Weiter! Ein paar Minuten später erreiche ich die Passhöhe, gerade als das Unwetter losbricht. In Gratnähe wehen Sturmböen, dass ich Angst habe, mitsamt dem Rad umgeblasen zu werden. Graupelkörner peitschen mir entgegen und schlagartig ist es eiskalt. Ich friere erbärmlich an den Händen. Da merkt man, dass man im Hochgebirge ist. Viele Radfahrer in kurzen Hosen sind wahrlich nicht zu beneiden. Ich habe wenigstens eine lange Hose an, gedacht nicht gegen Regen, sondern gegen die Sonne.

 

Nun gilt es, so schnell wie möglich tiefer zu kommen, wo der Wind nachlässt und es nicht mehr so kalt ist. Wenigstens der Regen hält sich in Grenzen. Von der vielgerühmten Aussicht ist leider nichts zu sehen. Schließlich komme ich zum Col du Lauteret (2058 m). Wolkenverhangen zeigen sich erstmals die höchsten Berge der Dauphiné, die Barre des Écrins und die Meije über wilden, zerrissenen Gletschern. Weiter geht es in östlicher Richtung 13 Kilometer nur bergab nach Monetier-les-Bains (1485 m), Ende der heutigen Etappe. Am Abend fühle ich mich zum ersten Mal ziemlich schlapp; die Höhenmeter und das Unwetter sind anscheinend nicht spurlos an mir vorübergegangen.

 

Tag 5

Le Monêtier-les-Bains – Barcelonette (Le Sauze) 

(116 km, 2600 Hm)

Col de l´Izoard (2360 m)

Col de Vars (2109 m)

 

Am Morgen fühle ich mich zum Glück wieder gut erholt. Vom Hotel geht es auf einer viel befahrenen Straße erst einmal 15 km abwärts nach Briancon (1330 m), der höchstgelegenen Stadt Frankreichs, dort Abzweigung nach Cervieres und zum Col de l´Izoard.

Wie uns gesagt wurde, ist heute am Izoard Tag der Radfahrer und der Pass für Autoverkehr gesperrt. Nach Cervieres hinauf denken wir uns, dass dafür doch recht viele Autos unterwegs sind. Aber erst in Cervieres (1620 m) beginnt die eigentliche Passstraße und ein paar Kilometer weiter ist für Autos wirklich Schluss. Sogar die Porschefahrer, die kurz zuvor an uns vorbeigebrettert sind, müssen umdrehen. Ab jetzt sind nur noch Radfahrer unterwegs und das nicht wenige. Frankreich ist ein Volk der Rennradfahrer. E-Biker sieht man, anders als bei uns, selten. Nicht wenige fahren hinauf wie an einer Schnur gezogen. Drahtige Gestalten mit vernachlässigbarem Körperfettanteil.

 

Ohne jeden Autoverkehr ist das Fahren ein besonderer Genuss. Im unteren Teil herrscht lichter Kiefernwald, der an der Waldgrenze in eine eigentümliche Verwitterungslandschaft übergeht, wie sie wohl einmalig ist auf der Welt. Oben herrscht Volksfeststimmung, eine Menge Radfahrer bevölkert die Passhöhe, Alphornbläser geben ein Standkonzert, es ist so warm, dass man im T-Shirt sitzen kann.

 

Bei der Abfahrt auf der Südseite wird die Landschaft noch eindrucksvoller.

Nach ein paar hundert Metern kommt man zur unfassbaren Landschaftsform der „Casse Déserte“, seit 1937 Naturdenkmal. Durch Erosion von verschmolzenem Kalk- und Gipsgestein entstand eine surreale Wüstenlandschaft, bei der aus steilen Schotterhalden bizarre, orange-graue Felsnadeln emporragen. Die Passage gehört zum Eindrucksvollsten was die RdGA zu bieten hat. In Brunissard gelangen wir nach 8 Kilometer Abfahrt wieder ins Haupttal, das nach einer Gabelung in eine spektakuläre Schlucht mündet (Gorges du Guil). Weit über dem reißenden Fluss schlängelt sich die Straße teilweise durch senkrechte Felswände bis Guillestre (1040 m), 30 km ab Col de l´Izoard, 48 km ab Le Monetier-les-Bains.

 

Hier beginnt der zweite Pass des Tages. Über eine kurvige Straße geht es hinauf zum Skiort Vars (1852 m) und weiter zur Passhöhe (2109 m) auf einer weitläufigen Hochfläche. Von dort Abfahrt 9 Kilometer nach Saint-Paul-sur-Ubaye (1470 m). Da ich mich mit meinem dreirädrigen Gefährt nicht so in die Kurven legen kann wie die Radfahrer, muss ich etwas langsamer fahren und so bin ich im Talort der letzte und allein auf weiter Strecke. In südlicher Richtung geht es durch das Tal der Ubaye weiter. Nach etlichen Kilometern fühle ich mich verunsichert was den Weiterweg betrifft und schaue in der Beschreibung nach. Dummerweise verwechsle ich „Bonette“ mit „Barcolenette“ mit Folge, dass ich in Jausiers abbiege und ziemlich weit die Straße zum Col de la Bonette hochfahre. Nach 300 Höhenmetern wird mir klar, dass etwas nicht stimmt und ich muss alles wieder hinunterfahren. Oje. Unten ist es klar: Ich bin zehn Kilometer zu früh abgebogen. Jetzt gibt es keine Probleme mehr und ich komme nach Barcolenette und zur Abzweigung nach Le Sauze, wo sich unsere Unterkunft befindet. Noch einmal 200 Höhenmeter in der größten Hitze. Kurz bevor ich oben bin hole ich an einem Steilstück Tim aus England ein. Er hat das älteste Rad mit einer ziemlich unpassenden Übersetzung, die zum Schnellfahren, aber nicht zum Bergauffahren geeignet ist. So muss er sich ziemlich plagen aber er ist immer gut gelaunt und das auf eine ansteckende Weise. Bewundernswert! Überhaupt: die Gruppe, 21 Personen: An keinem Tag hat irgendjemand schlechte Laune, keiner schwächelt, niemand macht Probleme. Über den ganzen Zeitraum, was keine Selbstverständlichkeit ist. Auch die drei Frauen stehen den Männern in nichts nach. Marie aus Kanada, immer vorn dabei. Mag, Französin: „I want to know the secret of your legs“ fragte ich sie als sie an mir vorbeifuhr, aber sie lächelte nur. Und schließlich noch die reizende Tessa aus England: „she drives like a machine and not like a beautiful women“, meinte ich mal zu Tim, der mir uneingeschränkt recht gab. Endlich kommen wir im Hotel los Flocons an, Ende einer langen Etappe. Den ganzen Tag herrschte wolkenloses Wetter.

 

Tag 6

Barcelonette (Le Sauze) – Beuil

(88 km, 2200 Hm)

Col de la Cayolle (2326 m)

Col Valberg (1650 m)

 

Der sechste Tag führt wieder in eine stille und wilde Bergwelt. Nach dem Frühstück fahren wir zuerst einmal 200 Höhenmeter hinab nach Barcolenette an der Ubaye (1140 m). Dort Beginn des Anstiegs zum Col de la Cayolle, der das Tal der Ubaye im Norden mit dem Tal des Var im Süden verbindet. Bereits wenige Kilometer später führt unser Weg durch eine enge Schlucht (Gorges du Bachelard) im Nationalpark Mercantour. Tief hat sich der Fluss in den Fels eingeschnitten, ringsum Felswände, eine wilde Landschaft. Die Straße verengt sich und wird einspurig, zum Glück fahren nur sehr wenige Autos. Oberhalb weitet sich das Tal, in Bayasse wechselt der Verlauf von der Ost- in die Südrichtung. Durch Lärchenwälder und blumenreiche Wiesen geht es hinauf. Hier wie auf anderen Pässen, die uns über die Baumgrenze führten, gibt es viele Murmeltiere. Radfahrer sind sie offenbar gewohnt, Handbiker anscheinend weniger. Vermutlich halten sie mich für einen Bodenfeind und melden mit schrillen Pfiffen die Gefahr.

 

In Col-Nähe prägen Matten mit tundraartigem Bewuchs die Landschaft. Kurz unterhalb liegt das Refuge du Col de la Cayolle, am Scheitelpunkt (2326 m) gibt es nur einen kleinen Parkplatz, sonst nichts. Ringsum die kargen Berge des Mercantour-Massivs, Kernzone des Nationalparks, Gipfel weitab vom Massentourismus, soweit das Auge reicht keine Seilbahn, keine Skipiste, eine bemerkenswerte Landschaft, Hochgebirge wie man es sich vorstellt!

 

Es folgt eine nicht enden wollende Abfahrt über 32 Kilometer hinab nach Guillaumes (800 m), vorbei an Wasserfällen und geologischen Besonderheiten, an denen die Auffaltung der Gebirge sichtbar wird. Kurz vor Entraunes (1260 m), dem ersten Ort im Tal des Var, eine Passage wie nicht von dieser Welt. Schieferhänge neben der Straße glänzen silbrig-metallisch im Licht der Nachmittagssonne. Einzigartig!

 

In Guillaumes (790 m) vor einer Brücke über den derzeit ausgetrockneten Gebirgsbach Rio de Tuébi, dessen breites Schotterbett ahnen lässt, wie es hier bei Starkregen aussieht, zweigt die Straße zum Col Valberg ab. Die Temperatur auf den nächsten sechs Kilometern auf der orographisch linken Seite des Flussbetts bis Péone (1180 m) als heiß zu bezeichnen ist keine Übertreibung. Hinter Péone mit seinen engen Gassen und alten Steinhäusern teilt sich das Tal. Der Weiterweg führt in östliche Richtung, bis in Höhe 1260 m das Sträßchen das Flusstal verlässt und wir am Hang über viele Serpentinen rasch an Höhe gewinnen. Kurz hinter dem Scheitelpunkt liegt der Ort Valberg (1700 m), ein Wintersportort, der auch im Sommer ziemlich überlaufen ist. Was für ein Kontrast zur Auffahrt aus dem stillen Tal des Tuébi. Angeblich besitzen die Geissens hier ein Luxus-Chalet, was aber kein Grund ist hinzufahren. In östlicher Richtung geht es hinab nach Beuil (1450 m), Endpunkt der heutigen Etappe. 

 

Tag 7

Beuil – Nizza

(120 km, 2200 hm ↗, 3600 ↘)

Col de la Couillole (1678 m)            

Col de Saint-Martin (1500 m)                                              

 

Der letzte Tag bringt noch einmal zwei Pässe, lange Abfahrten und schließlich das Meer.

Von Beuil (1440 m) geht es erst einmal 7 km und 240 Hm hinauf zum Col de la Couillole (1680 m), nicht zu verwechseln mit dem Col de la Cayolle. Von dort rasante Abfahrt auf einem schmalen Sträßchen mit vielen Kurven hinab nach Saint Sauveur-sur-Tinée (490 m). Ich bemühe mich redlich den anderen nachzukommen, was mir ganz gut gelingt. Von der Abfahrt sind wir alle begeistert. Weiter geht es im Tal auswärts durch die tief eingeschnittene Schlucht der Tinée, bis ganz unvermittelt die Straße zum Col de Saint-Martin (1503 m) abzweigt. 16,5 Kilometer und 1021 Höhenmeter bei einer Durchschnittssteigung von 6,2%.

Hoch über dem Trockental Bramafan fahren wir durch Valdeblore und Saint-Dalmas, vor der Passhöhe ist die Gegend dicht bewaldet.

 

Vom Col folgt eine Abfahrt über 400 Meter ins Tal der Vésubie. Ein paar Kilometer weiter liegt Saint-Martin-Vésubie (950 m), wo ein Hochwasser im Herbst 2020 unvorstellbare Zerstörungen anrichtete. Innerhalb von 24 Stunden fielen 500 Liter Regen pro Quadratmeter. Straßen, Häuser, Autos und komplette Brücken, alles fiel den Fluten zum Opfer. Heute noch ist das ganze Flusstal um den Ort eine einzige Baustelle.

 

Nach einigen Kilometern verlassen wir das Tal der Vésubie in Richtung Levens (600 m), auf einem Hügel oberhalb des Zusammenflusses von Vésubie und Var gelegen. Im Hinterland von Nizza fahren wir auf kleinen Straßen praktisch ohne Verkehr. Malerische Dörfer liegen am Weg, Aspremont mit seiner auf einem Felsen liegenden Altstadt und andere. In Saint-Pancrace (270 m) sind wir in einem ruhigen Vorort von Nizza angekommen. Ab hier geht es nur noch bergab. Wenig später kommen wir am Strand an. Eine lange Reise durch grandiose Gebirgslandschaften mit einer Vielzahl von Eindrücken ist zu Ende. Nach Kurts Aufzeichnungen liegen 698,2 Kilometer und 18.728 Höhenmeter hinter uns. Auf der Dachterrasse vom Hotel Monsigny mit anschließendem Abendessen klingt der Tag aus.

 

Es hat alles gepasst. Schade nur der Sturz von Carolin. Dank an Tourleiter Julien für die hervorragende Organisation, Kurt für die bei einem Rolli-Fahrer gelegentlich nötige spezielle Unterstützung und an alle aus der Gruppe für die gute Stimmung während der ganzen Woche.

 

Als nach meinem Absturz und diversen Operationen 1997 das Blubbern mit dem Strohhalm in einer Wasserflasche die Belastungsgrenze darstellte, hätte ich jedenfalls nicht gedacht, dass ich 30 Jahre später mit einem Handbike auf der Route des Grandes Alpes unterwegs sein würde.

Bilder 

Auf gehts!

Lac de Roselend 

Col de la Colombiere 

Blick zurück auf Val d´Isere 

Col de Iseran

Mittagspause am Col 

Gleich gehts weiter  

Abfahrt nach Bonneval-sur-Arc

Galibier und Izoard

Col de la Cayolle

Col de Valberg 

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